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Als ich an diesem Buch zu arbeit­en begann, habe ich Her­mes Phet­tberg gefragt, was denn »das Rit­u­al« mit »dem The­ater« zu tun habe. Er maulte: »Das Burgth­e­ater kann sich noch so zusam­men­reißen – Liturgie ist wirk­lich großes The­ater!« Wirk­lich Großes hat(te) zweifel­los Her­mann Nitsch mit seinem Orgien Mys­te­rien The­ater vor: »das vor­bild für das totale the­ater der zukun­ft wird in der messe gese­hen (erkan­nt).« Aber nicht nur The­ater und Sein­skün­stler jen­er Bre­it­en, wo die Donau römisch-katholisch fließt, wollen tief­ere Verbindun­gen zwis­chen »Rit­u­al« und »The­ater« erken­nen. Für Har­ald Schmidt war die katholis­che Messe »eine fun­da­men­tale erste Erfahrung der The­atra­lik«. Thomas Mei­necke will wis­sen: »Selb­st die agnos­tis­chste Popin­sze­nierung baut auf Liturgie.« Schließlich über­schre­it­et die Akademie den Par­naß der Analo­gien und Fam­i­lienähn­lichkeit­en – jen­seits von Donau und Elbe: »Vom Rit­u­al zum The­ater« schre­it­et Vic­tor Turn­er (1982). »Vom Rit­u­al zum The­ater und zurück« Richard Schech­n­er (1985). Wie weit sind die Wege und wohin führen sie?
Vor dem Hin­ter­grund dieser diskur­siv­en Prax­en entwirft das vor­liegende Buch aus vornehm­lich liturgiean­thro­pol­o­gis­ch­er sowie the­aterkün­st­lerisch­er Per­spek­tive in siebzehn fik­tiv­en Gesprächen eine Poet­ik der Liturgie.
Cui bono? Unter pro­gram­ma­tis­chen Schlag­worten wie »ars cel­e­bran­di«, »(Gesamt-)Kunstwerk Gottes­di­enst«, »Insze­nierung des Evan­geli­ums« ist bin­nenkirch­lichen Diskursen Liturgie zur Frage zwis­chen Pro­duk­tions-dra­maturgie und »Insze­nierung von Authen­tiz­ität« gewor­den: Was kann die Kun­st der Liturgie von der Kun­st des The­aters ler­nen? Was nicht? Warum? In wessen Leben diese Fra­gen keine unwichtige Rolle spie­len, zäh­le ich zum Mod­ell-Leser dieses Buch­es. Dieser gehört zweifel­los ein­er Gruppe von Spezial­is­ten an. Um aber diese Fra­gen beant­worten zu kön­nen, müssen die Gren­zen akademisch und nich­takademisch anges­tammter Fäch­er munter über­schrit­ten wer­den. So span­nt das Buch einen weit­en Bogen – von der Frage der »Liturgiefähigkeit« aus sozialan­thro­pol­o­gis­ch­er Sicht bis hin zu »Loy­ola & Stanis­laws­ki: Tech­nis­che Mar­gin­alien zu ein­er Kul­turgeschichte des Schaus­piel­ers des Method Act­ing«. Damit bedi­ent das Buch – gle­ich­sam im Neben­ef­fekt – eine Rei­he weit­er­er Spezial­is­ten: Den The­aterthe­o­retik­er eben­so wie den Schaus­piel­methodik­er; die Basisak­tivis­ten ein­er »Spir­i­tu­al­ität des The­aters« (Luk Perce­val) eben­so wie die aufge­brachte Schar jen­er, die ganz genau wis­sen, wer »der Feind der römis­chen Liturgie« (Mar­tin Mose­bach) ist.